Aufstellungsprinzipien auf dem Bierdeckel

Grund-Annahmen des Modells:

  1. Jeder Mensch hat einen eigenen Raum, der das eigene Mentale, Psychische und Körperliche enthält: Gedanken, Gefühle, Stimmungen, Wünsche, Bedürfnisse, Erinnerungen, Phantasien, jüngere Zustände, künftige Möglichkeiten, der Körper und das Selbst. Erwachsene sind für diesen Raum selbstverantwortlich.
    Wenn man von der systemischen Annahme ausgeht, dass wir autopoietisch (selbsterhaltend + selbstmachend) und selbstorganisierend gebaut sind, dann können nur wir selber in diesem Raum bestimmen. Außer wir lassen eine Einmischung und Einflussnahme zu. Oder es passiert eine gewaltsame Grenzverletzung.
  2. Nicht einmal narzisstische Personen haben unendliche Räume – wir sind begrenzt. Also hat jede Person eine Grenze ihres Raums. Die Erhaltung der Grenze ist wesentlich für Schutz, Sicherheit, Überleben und Autonomie. Die Grenze ist zugleich der Bereich, wo Kontakt, Berührung, Begegnung, Verbindung und Nähe mit anderen Menschen erfahren wird. Daher ist die Grenze sowohl für Intra-personelles wie Interpersonelles von essentieller Bedeutung.
    Respekt und Achtung haben die zentralen Aspekte der Wahrung von Grenzen. Da dies nicht selbstverständlich ist unter Menschen, ist es notwendig, für Achtung und Respekt zu sorgen.
  3. Auch wenn wir uns selber verändern können, so haben wir uns doch nicht selber erschaffen. Auch wenn wir uns entscheiden, so-und-so zu sein, so hat doch dies einen Hintergrund oder Wurzel: woher kommt der Wunsch, so-und-so zu sein? Entweder kommt er von außen, dann ist er nicht autonom. Oder er kommt von uns selber – aber was heißt das? Genau dieses eigene Potential, eine Art dritte Wurzel unabhängig von Mutter (und Mutterlinie) und Vater (und Vaterlinie) nennen wir: das Selbst. Es ist nicht allein etwas wie die Summe der eigenen Talente und Fähigkeiten, sondern auch die eigene Lebendigkeit im Sinn der eigenen Lebenskraft. Es ist überhaupt das ganze Eigene, Individuelle, Einzigartige. Es wird mehr entdeckt und ausgelebt als entwickelt. Das Selbst erscheint unzerstörbar und unverlierbar. Über Selbst gibt es einen inneren Halt, der Selbstvertrauen und Souveränität erzeugt. Wir können uns gegen unser Selbst entscheiden und unauthentisch sein. Das Selbst ist weder unfehlbar noch allwissend und kein höheres Selbst und auch nicht die Seele (was immer das ist …). Oft wird es körperlich leicht gespürt, weil es stark an den Körper gekoppelt ist. Das Selbst zeigt sich in dem, wo wir spüren, das kommt wirklich von uns bzw. aus uns. Darauf kann man z.B. über die Frage kommen: wie geht es mir mit dem, was ich gerade erlebe?
  4. Der andere Pol im eigenen Raum ist das Ich. Das Ich ist die Kanzlerin, die Instanz, die entscheidet und für alles Tun zuständig ist. Das Ich setzt und schützt die Grenze, identifiziert und de-identifiziert sich. Es geht Bindungen oder löst sie. Der Fokus ist das Ich im Kontext einer bestimmten Fragestel-lung. Das Selbst kann nicht entscheiden und auch nicht handeln. Aber es bringt die Kraft und Ideen für Entscheidungen. Das Ich kann die Selbstverantwortung nicht an das Selbst delegieren. Man kann also niemals sagen: „mein Selbst war dran schuld.“

Problem und Lösung in diesem Konzept

  1. Probleme entstehen, wenn wir nicht mit dem verbunden sind, was zu uns gehört. Und wenn wir mit dem verbunden sind, was nicht zu uns gehört. Probleme werden also verstanden als räumliche Verwirrungen. Raum meint hier sowohl den sozialen wie zeitlichen wie sachlichen Raum.
    Probleme entstehen also, wenn im eigenen Raum andere Personen stehen wie Eltern, Partner, Kinder, Vorfahren, Geschwister, Kollegen etc. Wenn im eigenen Raum Vergangenes steht wie ein altes Trauma oder vielleicht Zukünftiges wie ein Weltuntergangsszenario. Wenn im eigenen Raum Sachliches wie der Job oder das Geld steht. Es können auch nur Aspekte einer anderen Person im eigenen Raum stehen, z.B. dessen Verantwortung, Glaubenssätze, Vorstellungen, Erwartungen …
    Probleme entstehen auch, wenn jemand nicht mit dem Eigenen gut verbunden ist und dieses nicht im eigenen Raum Platz genommen hat. Dann stehen bei Krankheiten Körperorgane woanders, das Selbst ist vielleicht „ausgeliehen“, die Entscheidungsfähigkeit nicht mehr richtig verfügbar.
  2. Probleme entstehen auch, wenn die Grenze nicht mehr funktioniert, gestört oder vielleicht sogar zerstört wurde. Wenn also nicht stimmig Nein oder Stopp gesagt wird oder ausgelebt wird. Wir fühlen Nein und sagen Ja. Noch problematischer ist, wenn das Nein gar keine Chance hat, kein: „Nein heißt Nein“.
  3. Die Lösung liegt dann einfach nur in der Sortierung, dass alles seinen passenden Ort bekommt. Würdigung des Geschehenen. Was zu mir gehört ist bei mir, was nicht zu mir gehört, außerhalb.

Trauma in dieser Sicht
Ein Trauma ist ein Ereignis, das die Grenze zerstört oder massiv verletzt. Es ist so gewaltig, dass es zur heftigen Dissoziation im eigenen Raum kommt. Wo Trauma im eigenen Raum ist, wird der eigene Raum wie gespalten, oder Aspekte fliehen hinaus. Zugleich wird das Trauma zur Fake-Identität.

© Holm von Egidy