Struktur

Der Begriff Struktur ist für die Strukturaufstellungen von großer Bedeutung und weist auch auf ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen Aufstellungsarten hin. Daher hier einige Überlegungen, um diesen Begriff klarer zu machen. Was ist damit gemeint?

Struktur ist Merkmal des Lebendigen. Nur Leben hat Struktur. In der Struktur ist das Ganze in allen seinen Aspekten, Elementen und Momenten gegenwärtig. Es sind also in der Struktur nicht Teile über Mechanismen und kausale Abhängigkeiten zu einem Ganzen verbunden. Sondern eine Struktur handelt wie aus einem Ganzen heraus und wird immer auch als Ganze betroffen. Strukturen sind Konstellationen. Unser Körper als Organismus ist in diesem Sinn eine Struktur.
Strukturen sind Individuen. Jedes Tier, jede Pflanze ist eine Struktur. Es kennzeichnet eine Struktur, dass sie zentrisch aufgebaut ist. Dieses Zentrum muss nicht selbst deutlich identifizierbar sein. Das ist zwar der Fall bei Herz oder Gehirn, bei der Bienenkönigin oder dem Ich einer Person. Bei einem Baum, einem Kunstwerk, einem Konzern ist dieses Zentrum nicht direkt zu machen. (man sollte nicht den Vorstandsvorsitzenden mit dem Zentrum identifizieren, er ist eine Rolle, die schnell anders besetzt werden kann)
Strukturen haben Kontinuität, sie bewahren ihre Eigentypik, haben eine Art von Selbstheit (Authentizität). Vergeht ihr Selbst, zerfallen auch sie früher oder später. Wobei dies weniger so ist, dass sie ein Selbst haben, als dass ein Selbst die Struktur hat. Das Selbst der Struktur ist wie ein Feld oder Geist (z.B. der Teamgeist), aus dem die Struktur lebt. Das Selbst einer Struktur ist nicht dasselbe wie ihr Zentrum. Oft drückt sich aber das Selbst besonders stark in und durch sein Zentrum aus: durch den Dirigenten eines Orchesters, den Kapitän eines Schiffes, die Regierung eines Staates.
Strukturen haben eine Perspektive. Deshalb gibt es für Strukturen überhaupt erst soetwas wie eine Situation. Eine Struktur lebt immer in Situationen und sind davon auch nicht zu trennen, dass sie Situationen erfahren. Innen ist die Struktur, außen ist die Situation. Die Situation ist der Leib der Struktur. Die Perspektive geht vom Zentrum der Struktur aus und wird daraufhin ausgerichtet.
Strukturen sind Fraktale (die aus der Mathematik bekannten "Apfelmännchen"). Auch die Aspekte, Momente und Elemente unsres Lebens lassen sich näher betrachtet wieder als Struktur verstehen. Das heißt auch unsere Projekte, Entscheidungen, Lebensformen, Anliegen sind Strukturen. Selbstverständlich gilt das auch für die Familien, Gemeinschaften, Organisationen.
Der Begriff des Systems entspricht weitgehend dem hier eingeführten Begriff der Situation: Eine Situation ist als ein System gegeben; ein System zeigt eine Situation. Das System ist die gegebene Gestalt einer Struktur.

In der Aufstellung, wie wir sie verstehen, stellen wir eine Struktur auf. Die Aufstellung stellt dann diese Struktur dar, und wir finden auch alle genannten Merkmale der Struktur in der Aufstellung der Struktur wieder.
Für die Strukturaufstellungen ist der Focus wesentlich. Im Focus finden wir die Perspektive und hiermit wird das Zentrum der Struktur aufgestellt.
In einer Aufstellung wird sehr augenscheinlich, dass eine Struktur nicht mit ihrem Zentrum identifiziert werden kann. Es kommt auf das Ganze an, und eine Lösung wird nur dann wirksam, wenn sie im Sinn des Ganzen ist. Eben das wird durch eine Aufstellung genau geprüft.

Werfen wir nun noch einen Blick auf eine besonders klare Definition der Struktur, nämlich von Wittgenstein. Im Tractatus logico-philosophicus schreibt er:
Im Sachverhalt hängen die Gegenstände ineinander wie die Glieder einer Kette. (2.03)
Im Sachverhalt verhalten sich die Gegenstände in bestimmter Art und Weise zueinander. (2.031)
Die Art und Weise, wie die Gegenstände im Sachverhalt zusammenhängen, ist die Struktur des Sachverhaltes. (2.032)
Die Form ist die Möglichkeit der Struktur. (2.033)
Die Struktur der Tatsache besteht aus den Strukturen der Sachverhalte. (2.034)

Etwas frei können wir das so interpretieren: Ein Sachverhalt kann sowohl eine Situation wie ein lebendiges Wesen sein (Beispiele wie oben). Wittgenstein Begriff des Sachverhalts entspricht unserem Begriff des Systems. Die Gegenstände sind das, was wir oben Aspekte, Elemente oder Momente nannten. Während wir oben deduktiv vorgingen, von der Struktur aus diese näher erläuterten, entwickelt Wittgenstein hier abstrakt den Begriff der Struktur. Er sieht ab von den inhaltlichen Bestimmungen von Gegenständen, den Elementen, Aspekten und Momenten und bezieht sich auf das relationale Gefüge von diesen im System und definiert es als Struktur. Nebenher sagt diese Begriffsbestimmung auch, dass Strukturen stabiler sind als Sachverhalte.
Ein weiterer Schritt ist der zur Form als der Möglichkeit der Struktur. Form verhält sich dann zu Selbst (s.o.) wie Struktur zu Leben.


Literatur:
Heinrich Rombach: Strukturanthropologie
Ludwig Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus